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Title: 4 Uhr morgens
Description: Deutsch // Kreatives Schreiben


Miss Cicero - July 26, 2004 01:55 PM (GMT)
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4 Uhr morgens
(Geschrieben in Erinnerung an Corsica)


Irgendwo nahe der Grenze zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein dringt die Stille des Morgens zu mir durch. Nicht schrill und aufdringlich wie der Wecker, der mich sonst zu Hause um diese Zeit grob aus dem Schlaf reißt, sondern vielmehr ruhig, gelassen, leise, wie eine sanfte Brise aus der Bucht, die den Prolog des neuen Tages heranträgt. Ich brumme leise und blinzele ein paar Male, noch ein wenig unwillig, mein warmes, bequemes Bett zu verlassen. Aber ich weiß, dass mich draußen etwas Wundervolles erwartet, wenn ich mich überwinde.

Und so stehe ich auf.

Alles liegt im Halbdunkel noch reglos da. Das Handtuch, welches nach dem gestrigen Strandbesuch gedankenlos in eine Ecke geworfen worden war, liegt dort noch genauso zusammengeknüllt auf dem Boden; die Badeschlappen, die nur wenige Stunden zuvor locker weggekickt worden waren, sind noch immer im Wohnzimmer verstreut und warten darauf, dass ich sie wieder anziehe.

Und genau das tue ich auch.

Ich muss mich bremse, beruhigen, als ich auf dem Weg zum Meer auf leisen Sohlen die Steintreppen zwischen den Bungalows hinunterlaufe, denn plötzlich werde ich von Unruhe, Ungeduld gepackt, jedoch im positiven Sinne. Die dunkle Luft der Morgendämmerung scheint in ihrer Vorfreude, die der meinen in nichts nachsteht, leicht zu zittern, während ich durch den Garten der Anlage laufe und den Duft des vom Morgentau nassen Grases und der Bäume zusammen mit der salzigen Luft einatme.

Endlich erreiche ich die Bucht. Weit und beinahe unendlich liegt sie da, der weiße Sand unzerwühlt und eben, das azurblaue Wasser spiegelglatt und reglos, abgesehen von ein paar winzigen, sanften Wellen, die vorsichtig auf das Ufer laufen, begleitet von einem leisen, zufriedenen Seufzen. Von den Bergen im nahen Hinterland kommt ein Wind heran geflogen und eilt flink auf das Meer, auf die Freiheit, zu.

Ich setze mich in den warmen Sand und vergrabe meine Füße darin, während ich die weiße Pracht durch meine Finger rieseln lasse. Das leise Geräusch, das dabei entsteht, würde man im Alltag wohl kaum hören, doch es klingt wie Musik in meinen Ohren. So muss Ruhe klingen, denke ich. Oder innere Zufriedenheit.

Dann beginnt es. Am Horizont erscheint nach und nach ein gleißend heller Punkt, der sich immer weiter über die in weiter Ferne liegende, dünne Trennlinie zwischen Himmel und Erde hinausschiebt. Die Sonne schickt ihre ersten Strahlen aus, welche die Welt sanft wachküssen und ihr wie jeden Morgen neues Leben einhauchen. Je weiter die Königin des Tages ihren Thron erklimmt, desto tiefer versinkt die Landschaft in ihrem rotgoldenen Licht, das, wenn man ganz still ist und genau hinhört, von wunderschönen Klängen begleitet wird. Das Licht bricht sich an ein paar vorbeischlendernden Wolken, und auf einmal ist einem, als sitze man inmitten eines… inmitten etwas Unbeschreiblichem. Das Wasser des Ozeans glitzert wie Millionen winziger Diamanten, die kleinen Sandkörnchen reflektieren das Licht in ihren unendlich vielen Farben und der Himmel… er scheint zu brennen. Nicht blau ist er in diesem Moment, sondern tief Orange, und tausende Kilometer über mir strahlt ein riesiger, gleißender Feuerball mit dem schwärzesten Kern, den man sich nur vorstellen kann.

Doch der Augenblick verweilt nur kurz. Niemals bleibt der Lauf der Welt auch nur für eine einzige Sekunde stehen; das einzig ewig Währende ist die ständige Veränderung. Und so steigt die Sonne weiter, und je höher sie kommt, desto heller wird sie, und das rotgoldene Licht ändert langsam seine Farbe, wird zu demjenigen durchsichtigen Tageslicht, welches wir alle genau kennen und so selbstverständlich hinnehmen.

Ich lasse mich zurücksinken, lege mich auf den Rücken und schließe die Augen. Ein warmer Wind nähert sich mir vom Meer und umarmt mich. Er streicht zärtlich über meine Haut, spielt mit meinem Haar und mit meiner Kleidung, bevor er lachend weitertanzt. Es ist schade, ich würde ihn nur zu gerne festhalten, doch ich weiß, dass ich das weder kann noch darf. Nichts ist perfekt, nichts ist für die Ewigkeit, doch als ich so daliege und darüber nachdenke, glaube ich, dass das auch gut so ist. Denn wenn das Heute vollkommen wäre, wozu bräuchten wir dann ein Morgen?




Sylvie - August 1, 2004 12:06 AM (GMT)
Tja, also ich mus zugeben, dass ich ja eigentlich nicht so der poetische Typ bin (man möge es mir verzeihen, lol), aber das hat mir schon gefallen... Immerhin hab' ich's zu Ende gelesen, und das will bei mir schon was heißen ;-)
Also nochmal Kompliment, sowas könnte ich nicht schreiben...

Miss Cicero - August 1, 2004 01:01 PM (GMT)
danke sehr :) Normalerweise sind solche Stories auch nicht mein Genre, aber das kam bei dem Projekt "kreatives Schreiben" an meiner Schule raus, und ich dacht ich poste es einfach mal *g*




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